Das Massaker von Srebrnica

Im Juli dieses Jahres jährt sich der 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica. Die Ermordung von rund 8.000 bosnischen Männern innerhalb weniger Tage gilt als der größte Völkermord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und geschah direkt vor unserer Haustür. Grund genug, sich näher mit den Ereignissen der Jugoslawienkriege und diesem Massaker zu beschäftigen.
Vorgeschichte

Das ehemalige Jugoslawien war eine Föderation, welche aus sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen bestand. In den 1960er Jahren entwickelte sich in Jugoslawien eine eigene sozialistische Politik: die Verfassung des Landes war gestaltet nach dem Vorbild der UdSSR, während es realpolitisch eine immer stärkere Öffnung zum Westen hin gab. Diese „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ unter Titos Führung war nach einiger Zeit immer mehr geprägt von tiefen politischen und wirtschaftlichen Krisen. Vor allem in Kroatien entstand Unmut darüber, dass man als eines der wohlhabenderen Länder in diesem Staatsgefüge einen beträchtlichen Teil des nationalen Einkommens an die Zentralregierung in Belgrad abgeben musste.

Nach Titos Tod spitzte sich die Lage immer mehr zu. Der Hauptkonflikt zwischen den Teilrepubliken um die Verteilung der finanziellen Mittel erreichte seinen Höhepunkt, religiöse und ethnische Spannungen nahmen zu und das politische Klima war durch Nationalismus auf allen Seiten vergiftet.

Als Kroatien und Slowenien schlussendlich 1991 ihren Wunsch artikulierten den jugoslawischen Staat zu verlassen und beide Unabhängigkeitsreferenden mit über 80% ausgingen, war dies das Ende Jugoslawiens und der Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen.

Der Bosnienkrieg

Bosnien galt vor dem Zerfall Jugoslawiens aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur oft als „Jugoslawien im Kleinen“. BosniakInnen, SerbInnen und KroatInnen lebten hier zusammen, in den meisten Landesteilen gemischt.                                                                                              Nach dem Vorbild Kroatiens und Sloweniens fand auch in Bosnien eine Abstimmung über die nationale Souveränität statt. Als Bosnien im März 1992 seine Unabhängigkeit verkündete begann auch dort der Krieg zwischen der Jugoslawischen Volksarmee, welche gemeinsam mit den serbischen Truppen kämpfte und den bosniakischen „Regierungstruppen“, die jedoch von Beginn an militärisch unterlegen waren. Das Kriegsende ist mit dem 14. Dezember 1995 zu datieren, als das „Abkommen von Dayton“ unterzeichnet wurde.                                                                                                                    Bosnien hat bis heute mit den Folgen des Krieges zu kämpfen: zahlreiche Gebiete sind nach wie vor durch Landminen gefährdet, das Land hat immer noch eine sehr schwache Wirtschaft und hohe Korruption und es findet so gut wie keine Geschichtsaufarbeitung statt. Dennoch prägt das „Massaker von Srebrenica“ das Bewusstsein und sehr stark die Gegenwart des Landes.

Was geschah in Srebrenica?

Srebrenica ist eine Stadt im Osten von Bosnien und Herzegowina, nahe der Grenze zu Serbien. Nach einer Volkszählung von 1991 war Srebrenica ein überwiegend muslimischer Landkreis, 75 Prozent der Bevölkerung waren bosnische Muslime und Musliminnen, 25 Prozent Serben und Serbinnen.

Bereits am Beginn der Kampfhandlungen wurde die Stadt von serbischen Truppen besetzt, etliche MuslimInnen mussten ihre Häuser verlassen. Doch den bosnischen Truppen gelang es, sich 1992 zu reorganisieren und sowohl Srebrenica als auch die umliegende Gegend wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Als sich die Situation immer mehr verschärfte und die serbischen Truppen einige Monate später eine erneute Belagerung von Srebrenica in Angriff nahmen, schaltete sich die UNO ein. Am 11. März 1993 reiste der französische Befehlshaber der UNPROFOR Philippe Morillon in die Stadt, um sich ein Bild über die Situation zu verschaffen. Er versprach der bosnischen Bevölkerung, “er würde sie nicht im Stich lassen”. Einen Monat später verabschiedete der UN Sicherheitsrat die Resolution 819. In dieser wurde unter anderem erklärt, dass es sich bei Srebrenica und der unmittelbaren Umgebung um eine Schutzzone („safe-area“) handelt, die von allen Konfliktparteien respektiert werden müsse. Außerdem lässt sich aus der Resolution ableiten, dass den Vereinten Nationen die Gefahr eine “ethnische Säuberung” bewusst war.

Durch diese UN- Resolution ging die Niederlande die Verpflichtung ein, ca. 600 Soldaten in die Schutzzone zu entsenden. Das Hauptquartier des „Dutchbat- Bataillon“ wurde in einer Fabrik in Potočari innerhalb der Enklave Srebrenica eingerichtet.

Das Massaker

Die endgültige Einnahme der Enklave Srebrenica durch die Armee der Serbischen Republik (VRS) sowie durch serbische Freischärler (zum Beispiel der Gruppe „Arkan Tiger“) begann am 6. Juli 1995, unter anderem mit Angriffen auf die niederländischen Beobachtungsposten. Zahlreiche Blauhelmsoldaten überließen den Truppen ihren Posten, viele wurden auch von der VRS als Geiseln genommen. Unter den muslimischen BewohnerInnen brach Panik aus, sie versuchten sich auf dem UN- Gelände in Sicherheit zu bringen.

Am 11. Juli beschoss die VRS das UN- Gelände mit Artillerie, etliche Muslime und Musliminnen kamen ums Leben, tausend andere flohen zum etwa fünf Kilometer entfernten UN- Stützpunkt Potočari. Die Bevölkerungszahl in Potočari erhöhte sich massiv, was zu einer Lebensmittel,- Wasser- und Medikamentenknappheit führte.

Bereits am Tag darauf rückten die Armee der Serbischen Republik und serbische Freischärler nach Potočari vor. Unter dem Vorwand, sie würden Kriegsverbrecher suchen begannen sie Männer und Frauen zu trennen. Frauen, Kleinkinder und Gebrechliche wurden mithilfe von Lastwagen und Bussen bis kurz vor bosnisch- muslimisch kontrolliertes Gebiet fortgeschafft. Die zurückgebliebenen Männer, die meisten von ihnen im wehrfähigen Alter zwischen 16 und 60 wurden interniert, systematisch exekutiert und in Massengräbern an verschiedenen Orten verscharrt. Binnen vier bis fünf Tagen wurden über 8000 unbewaffnete Männer und Jungen umgebracht.

Um die Spuren des Massakers zu verwischen wurden die menschlichen Überreste immer wieder ausgegraben und umgebettet. Aus diesem Grund konnten bis heute die meisten Opfer nicht identifiziert werden.


Die Zeit danach

Die Geschehnisse in Srebrenica bleiben dank der Berichte von Überlebenden und Satellitenaufnahmen von den Massengräbern nicht lange unbemerkt. Im November 1995 werden Radovan Karadžić, Präsident der Serbischen Republik in Bosnien und Herzegowina und Befehlshaber des Massakers und der bosnisch- serbischer General Ratko Mladić vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien unter anderem wegen Völkermordes angeklagt. Karadžić wurde 2008 verhaftet, Mladić wurde am 26. Mai 2011 in der Nähe von Belgrad gefasst. Beide Urteile werden mit Ende 2015 bzw 2016 erwartet.

Des Weiteren wurde nach einer Klage des Verbandes „Mütter von Srebrenica“ von einem Zivilgericht in Den Haag festgestellt, dass die Niederlande für den Tod von 300 muslimischen Männern während der Zeit mitverantwortlich seien, da sie an deren Deportation mitgewirkt hätten, obwohl sie bereits vom drohenden Völkermord wussten.

Die Rolle und die Handlungen des niederländischen Bataillons werden bis heute diskutiert und stark kritisiert. Vor allem dem holländischen Kommandanten Karremans wird vorgeworfen, er habe die Situation verharmlost und zu spät um militärische Unterstützung angesucht. Vor einigen Jahren tauchten außerdem Bilder und Videos auf, die feiernde niederländische Blauhelmsoldaten nach dem Abzug aus Srebrenica sowie Karremans bei einem Trinkspruch mit General Mladić zeigen.

Erst seit 2009 wird innerhalb der EU der 11. Juli als offizieller Gedenktag begangen. Ein Tag, an dem nicht nur der Opfer des Massakers gedacht werden soll, sondern der uns jährlich in Erinnerung rufen sollte welche Ausmaße ethnisch begründeter Rassismus haben kann.